Die Jahre unter dem Dach
Mein Geburtshaus steht in der Hafenstraße. Ok - zur Welt gekommen bin ich, wie wohl die meisten Kinder, im Krankenhaus. Aber in der Hafenstraße 49 habe ich die ersten fünf Jahre meines Lebens verbracht.
Im Erdgeschoss, in dem sich heute ein Restaurant befindet, gab es früher einmal zwei Läden. Der Hauseingang befand sich dort, wo jetzt das schmale Fenster zu sehen ist. Das Fenster links davon war das Schaufenster der Fleischerei Hüsing. Da gab's immer "ein Stück Wurst auf die Hand" wenn ich meine Mutter dorthin zum Einkaufen begleitete. Man sagt mir nach, ich hätte immer gut aufgepasst, dass sie nicht ohne mich aus dem Haus ging. Das rechte Fenster gehörte zu einem Lebensmittelgeschäft. Dort gab es Milch, Käse, Zucker und alles das, was man sonst noch so zum Leben brauchte. Ich wohnte mit meinen Eltern in einer sehr kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung ganz oben im Haus unter dem Dach. Wenn die Nachbarn ihre Wäsche auf dem Dachboden zum trocknen aufhängen wollten, mussten sie bei uns klingeln, um durch unseren Flur zu ihren Wäscheleinen zu gelan- gen.
Das Haus mit der Nummer 49 in der Hafenstraße
Geheizt wurde mit Kohlen. Im Wohnzimmer stand der Ofen. Das war im Winter die einzige Wärmequelle für die ganze Wohnung. Meine Eltern gingen mit einem Eimer in den Keller, um Kohlen zum Heizen zu holen. Den gefüllten, schweren Eimer mussten sie dann wieder bis ganz nach oben unter das Dach tragen. Von Zeit zu Zeit musste die Asche aus dem Ofen entfernt und zum Entsor- gen nach unten getragen werden. Wenn es im Winter geschneit hatte, verwendeten die Leute die Asche aus ihren Öfen als Streu- mittel.
Anstelle eines Badezimmers gab es einen Raum mit einer Toilette und einem Waschbecken, in dem es auch noch genug Platz für die elektrische Waschmaschine meiner Mutter gab. Da ich nie etwas anderes kannte, habe ich dem nie eine besondere Bedeutung beigemessen, aber inzwi- schen weiß ich, dass damals noch viele Familien ihre Wäsche im Waschkessel in einer Wasch- küche wuschen. Die Waschmaschine meiner Mutter sah auf den ersten Blick wie eine heutige Maschine aus, die man von oben befüllt (auf neudeutsch sagt man heute "Toploader"). Auch die erste Waschma- schine meiner Mutter wurde von oben befüllt. Der Unterschied zu einem dieser modernen Top- loader bestand darin, dass die Wäsche nicht in eine Wäschetrommel, sondern in einen quadra- tischen Bottich gefüllt wurde. Am Boden dieses Wäschebottichs befand sich ein zweiflügeliger Quirl, der von einem unten in der Waschmaschine angebrachten Motor angetrieben wurde. Der Quirl bewegte die Wäsche im Bottich der Waschmaschine. Diese geniale Erfindung läutete da- mals das Ende des Waschbretts ein, das heutzutage nur noch als Rhythmusinstrument in eini- gen Stilrichtungen der Jazz Musik zum Einsatz kommt. Es gab auch eine elektrische Heizung, mit der das Waschwasser erhitzt wurde. Nach jedem Waschgang musste meine Mutter die elek- trisch betriebene Pumpe einschalten, um das Wasser aus der Maschine abzupumpen. Für den folgenden Waschgang füllte sie von oben frisches Wasser und das Waschmittel in den Bottich. Nach dem letzten Spülgang kam dann der am Rand des Bottichs der Waschmaschine ange- brachte Wäschewringer zum Einsatz. Damit wurde das Wasser so weit aus der Wäsche ge- presst, dass sie auf der Wäscheleine etwas schneller trocknete, als es beim Wringen mit den Händen möglich gewesen wäre. Der eigentliche Vorteil gegenüber dem Auswringen von Hand war jedoch, dass die kraftzehrenden, und auf die Dauer oft schmerzhaften Drehbewegungen in den Handgelenken, seit der Erfindung des Wäschewringers der Vergangenheit angehörten.
Weihnachten vor dem Ofen
Ich muss wohl so ungefähr drei Jahre alt gewesen sein, als meine Eltern mich gefragt haben, ob ich vielleicht gerne eine Schwester oder einen Bruder hätte. Eine Schwester hätte mir wohl ganz gut gefallen. Damit das mit der Schwester auch klappt, sollte ich dem Klapperstorch jeden Tag ein Stück Zucker auf die Fensterbank legen. Meine Eltern meinten, der Storch würde sich den Zucker dann holen, und dafür eine Schwester bringen. Ich habe dann also immer ein Stück Wür- felzucker für den Klapperstorch auf die Fensterbank des Schlafzimmerfensters gelegt. Der ist dann auch jede Nacht gekommen, hat das Zuckerstück jedes Mal mitgenommen, und eines Tages hat er mir dafür tatsächlich meine Schwester gebracht. Die Sache mit dem Zucker, dem Klapperstorch und der Schwester hatte also funktioniert ... – allerdings, wenn ich heute so da- rüber nachdenke, werde ich damals möglicherweise jeden Tag das gleiche Stück Würfelzucker auf die Fensterbank gelegt haben. Anscheinend hatte ich uns mit dem Würfelzucker und dessen Folgen aber wohl ein Problem ein- gehandelt, denn die Wohnung unter dem Dach wurde jetzt zu klein für uns vier. Es gab ja kein Kinderzimmer. Gespielt haben wir im Wohnzimmer oder auf dem Flur. Gegessen wurde immer im Wohnzimmer, weil die Küche gerade groß genug zum Kochen, zum Abwaschen und zum Babybaden war.
Als meine Schwester und ich noch klein genug waren, kamen wir zum Baden in eine Badewanne aus verzinktem Blech, die meine Mutter in die Mitte der Küche auf ein Holzgestell stellte. Fließen- des heißes Wasser aus der Leitung gab es in unserem Haus nicht. Warmes Badewasser bereitete meine Mutter, indem sie auf dem Gasherd im Wasserkessel Wasser kochte, das sie mit kaltem Wasser so lange mischte bis es die richtige Temperatur hatte. Den Vorgang wiederholte sie so oft, bis genug warmes Wasser zum Baden in der Wanne war. Einmal hatte die Badewanne an einer Stelle ein kleines Loch im Boden, das mein Vater mit einem Lötkolben wieder zulötete. Ich hatte ihm dabei zugesehen. Als er mit dem Löten fertig war, sagte er zu mir, ich solle die Lötstelle nicht anfassen, weil sie sehr heiß sei, und ich mich daran verbrennen würde. Danach habe ich dann immer sehr darauf geachtet, dass ich mich ja nicht auf die gelö- tete Stelle setzte, wenn ich in die Badewanne kam – ich wollte mich ja nicht verbrennen ...
Die Zinkbadewanne mit der berüchtigten Lötstelle
Das Kinderbett meiner Schwester, in dem vor der Geschichte mit dem Würfelzucker ich geschla- fen hatte, stand im Schlafzimmer und ich schlief neben meiner Mutter im Ehebett. Für meinen Vater hatten meine Eltern ein Klappbett gekauft, dass auf dem Flur stand. Tagsüber sah es aus wie ein Sideboard, und Abends wurde es zur Seite hin aufgeklappt, so dass man darin schlafen konnte. Die Matratze und das Bettzeug wurden morgens vor dem Hochklappen des Bettes mit Gurten festgezurrt. Ungefähr ein Jahr nach der Geburt meiner Schwester zogen meine Eltern mit uns in eine neue Wohnung in einem gerade neu erschlossenen Neubaugebiet im Stadtteil Leherheide am Stad- trand von Bremerhaven. Dort gab es ein richtiges Badezimmer und ein Kinderzimmer für meine Schwester und mich ... - und in jedem Zimmer gab es einen Radiatorheizkörper. Wenn wir es im Winter warm haben wollten, dann brauchten wir nur an dem Ventil des Heizkörpers zu drehen. Meine Mutter erzählte mir später einmal, am meisten habe sie in den ersten Jahren in der neuen Wohnung geschätzt, dass sie fortan keine Kohlen mehr zum Heizen aus dem Keller bis unter das Dach schleppen musste. © Jürgen Winkler
Eigentümerstandortgemeinschaft Lehe e.V. ‒ Verein Wohnungsvermarktungsnetzwerk
E-Mail: info@esglehe.de
Die Jahre unter dem Dach
Mein Geburtshaus steht in der Hafenstraße. Ok - zur Welt gekommen bin ich, wie wohl die meisten Kinder, im Krankenhaus. Aber in der Ha- fenstraße 49 habe ich die ersten fünf Jahre meines Lebens verbracht. Im Erdgeschoss, in dem sich heute ein Restaurant befindet, gab es früher einmal zwei Läden. Der Hauseingang befand sich dort, wo jetzt das schmale Fenster zu sehen ist. Das Fenster links davon war das Schaufenster der Fleischerei Hüsing. Da gab's immer "ein Stück Wurst auf die Hand" wenn ich meine Mutter dorthin zum Einkaufen begleitete. Man sagt mir nach, ich hätte immer gut aufgepasst, dass sie nicht ohne mich aus dem Haus ging. Das rechte Fenster gehörte zu einem Lebensmittelgeschäft. Dort gab es Milch, Käse, Zucker und alles das, was man sonst noch so zum Leben brauchte. Ich wohnte mit meinen Eltern in einer sehr kleinen Zwei-Zimmer-Wohn- ung ganz oben im Haus unter dem Dach. Wenn die Nachbarn ihre Wä- sche auf dem Dachboden zum trocknen aufhängen wollten, mussten sie bei uns klingeln, um durch unseren Flur zu ihren Wäscheleinen zu gelangen.
Das Haus mit der Nummer 49 in der Hafenstraße
Geheizt wurde mit Kohlen. Im Wohn- zimmer stand der Ofen. Das war im Winter die einzige Wärmequelle für die ganze Wohnung. Meine Eltern gingen mit einem Eimer in den Kel- ler, um Kohlen zum Heizen zu holen. Den gefüllten, schweren Eimer mussten sie dann wieder bis ganz nach oben unter das Dach tragen.
Von Zeit zu Zeit musste die Asche aus dem Ofen entfernt und zum Entsorgen nach unten getragen werden. Wenn es im Winter geschneit hatte, verwendeten die Leute die Asche aus ihren Öfen als Streumittel. Anstelle eines Badezimmers gab es einen Raum mit einer Toilette und einem Waschbecken, in dem es auch noch genug Platz für die elektri- sche Waschmaschine meiner Mutter gab. Da ich nie etwas anderes kannte, habe ich dem nie eine besondere Bedeutung beigemessen, aber inzwischen weiß ich, dass damals noch viele Familien ihre Wä- sche im Waschkessel in einer Waschküche wuschen. Die Waschmaschine meiner Mutter sah auf den ersten Blick wie eine heutige Maschine aus, die man von oben befüllt (auf neudeutsch sagt man heute "Toploader"). Auch die erste Waschmaschine meiner Mutter wurde von oben befüllt. Der Unterschied zu einem dieser modernen Toploader bestand darin, dass die Wäsche nicht in eine Wäschetrom- mel, sondern in einen quadratischen Bottich gefüllt wurde. Am Boden dieses Wäschebottichs befand sich ein zweiflügeliger Quirl, der von einem unten in der Waschmaschine angebrachten Motor angetrieben wurde. Der Quirl bewegte die Wäsche im Bottich der Waschmaschine. Diese geniale Erfindung läutete damals das Ende des Waschbretts ein, das heutzutage nur noch als Rhythmusinstrument in einigen Stilrichtun- gen der Jazz Musik zum Einsatz kommt. Es gab auch eine elektrische Heizung, mit der das Waschwasser erhitzt wurde. Nach jedem Wasch- gang musste meine Mutter die elektrisch betriebene Pumpe einschalten, um das Wasser aus der Maschine abzupumpen. Für den folgenden Waschgang füllte sie von oben frisches Wasser und das Waschmittel in den Bottich. Nach dem letzten Spülgang kam dann der am Rand des Bottichs der Waschmaschine angebrachte Wäschewringer zum Einsatz. Damit wur- de das Wasser so weit aus der Wäsche gepresst, dass sie auf der Wä- scheleine etwas schneller trocknete, als es beim Wringen mit den Hän- den möglich gewesen wäre. Der eigentliche Vorteil gegenüber dem Auswringen von Hand war jedoch, dass die kraftzehrenden, und auf die Dauer oft schmerzhaften Drehbewegungen in den Handgelenken, seit der Erfindung des Wäschewringers der Vergangenheit angehörten.
Weihnachten vor dem Ofen
Ich muss wohl so ungefähr drei Jahre alt gewesen sein, als meine Eltern mich gefragt haben, ob ich vielleicht gerne eine Schwester oder einen Bruder hätte. Eine Schwester hätte mir wohl ganz gut gefallen. Damit das mit der Schwester auch klappt, sollte ich dem Klapperstorch jeden Tag ein Stück Zucker auf die Fensterbank legen. Meine Eltern meinten, der Storch würde sich den Zucker dann holen, und dafür eine Schwester bringen. Ich habe dann also immer ein Stück Würfelzucker für den Klapperstorch auf die Fensterbank des Schlafzimmerfensters gelegt. Der ist dann auch jede Nacht gekommen, hat das Zuckerstück jedes Mal mitgenommen, und eines Tages hat er mir dafür tatsächlich meine Schwester gebracht. Die Sache mit dem Zucker, dem Klapper- storch und der Schwester hatte also funktioniert ... – allerdings, wenn ich heute so darüber nachdenke, werde ich damals möglicherweise jeden Tag das gleiche Stück Würfelzucker auf die Fensterbank gelegt haben. Anscheinend hatte ich uns mit dem Würfelzucker und dessen Folgen aber wohl ein Problem eingehandelt, denn die Wohnung unter dem Dach wurde jetzt zu klein für uns vier. Es gab ja kein Kinderzimmer. Gespielt haben wir im Wohnzimmer oder auf dem Flur. Gegessen wur- de immer im Wohnzimmer, weil die Küche gerade groß genug zum Kochen, zum Abwaschen und zum Babybaden war.
Als meine Schwester und ich noch klein genug waren, kamen wir zum Baden in eine Badewanne aus ver- zinktem Blech, die meine Mutter in die Mitte der Küche auf ein Holzge- stell stellte. Fließendes heißes Was- ser aus der Leitung gab es in unser- em Haus nicht. Warmes Badewasser bereitete meine Mutter, indem sie auf dem Gasherd im Wasserkessel Was- ser kochte, das sie mit kaltem Was- ser so lange mischte bis es die rich- tige Temperatur hatte. Den Vorgang wiederholte sie so oft, bis genug warmes Wasser zum Baden in der Wanne war.
Die Zinkbadewanne mit der berüchtigten Lötstelle
Einmal hatte die Badewanne an einer Stelle ein kleines Loch im Boden, das mein Vater mit einem Lötkolben wieder zulötete. Ich hatte ihm dabei zugesehen. Als er mit dem Löten fertig war, sagte er zu mir, ich solle die Lötstelle nicht anfassen, weil sie sehr heiß sei, und ich mich daran verbrennen würde. Danach habe ich dann immer sehr darauf geachtet, dass ich mich ja nicht auf die gelötete Stelle setzte, wenn ich in die Ba- dewanne kam – ich wollte mich ja nicht verbrennen ... Das Kinderbett meiner Schwester, in dem vor der Geschichte mit dem Würfelzucker ich geschlafen hatte, stand im Schlafzimmer und ich schlief neben meiner Mutter im Ehebett. Für meinen Vater hatten meine Eltern ein Klappbett gekauft, dass auf dem Flur stand. Tagsüber sah es aus wie ein Sideboard, und Abends wurde es zur Seite hin aufgeklappt, so dass man darin schlafen konnte. Die Matratze und das Bettzeug wur- den morgens vor dem Hochklappen des Bettes mit Gurten festgezurrt. Ungefähr ein Jahr nach der Geburt meiner Schwester zogen meine El- tern mit uns in eine neue Wohnung in einem gerade neu erschlossenen Neubaugebiet im Stadtteil Leherheide am Stadtrand von Bremerhaven. Dort gab es ein richtiges Badezimmer und ein Kinderzimmer für meine Schwester und mich ... - und in jedem Zimmer gab es einen Radiator- heizkörper. Wenn wir es im Winter warm haben wollten, dann brauchten wir nur an dem Ventil des Heizkörpers zu drehen. Meine Mutter erzählte mir später einmal, am meisten habe sie in den ersten Jahren in der neu- en Wohnung geschätzt, dass sie fortan keine Kohlen mehr zum Heizen aus dem Keller bis unter das Dach schleppen musste. © Jürgen Winkler
E-Mail: info@esglehe.de
Die Jahre unter dem Dach
Mein Geburtshaus steht in der Hafen- straße. Ok - zur Welt gekommen bin ich, wie wohl die meisten Kinder, im Kran- kenhaus. Aber in der Hafenstraße 49 habe ich die ersten fünf Jahre meines Lebens verbracht. Im Erdgeschoss, in dem sich heute ein Restaurant befindet, gab es früher ein- mal zwei Läden. Der Hauseingang be- fand sich dort, wo jetzt das schmale Fenster zu sehen ist. Das Fenster links davon war das Schaufenster der Flei- scherei Hüsing. Da gab's immer "ein Stück Wurst auf die Hand" wenn ich meine Mutter dorthin zum Einkaufen begleitete. Man sagt mir nach, ich hätte immer gut aufgepasst, dass sie nicht ohne mich aus dem Haus ging. Das rechte Fenster gehörte zu einem Lebensmittelgeschäft. Dort gab es Milch, Käse, Zucker und alles das, was man sonst noch so zum Leben brauchte. Ich wohnte mit meinen Eltern in einer sehr kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung ganz oben im Haus unter dem Dach. Wenn die Nachbarn ihre Wäsche auf dem Dachboden zum trocknen auf- hängen wollten, mussten sie bei uns klingeln, um durch unseren Flur zu ihren Wäscheleinen zu gelangen.
Das Haus mit der Nummer 49 in der Hafenstraße
Geheizt wurde mit Kohlen. Im Wohnzim- mer stand der Ofen. Das war im Winter die einzige Wärmequelle für die ganze Wohnung. Meine Eltern gingen mit ein- em Eimer in den Keller, um Kohlen zum Heizen zu holen. Den gefüllten, schwer- en Eimer mussten sie dann wieder bis ganz nach oben unter das Dach tragen. Von Zeit zu Zeit musste die Asche aus dem Ofen entfernt und zum Entsorgen nach unten getragen werden. Wenn es im Winter geschneit hatte, verwendeten die Leute die Asche aus ihren Öfen als Streumittel. Anstelle eines Badezimmers gab es ei- nen Raum mit einer Toilette und einem Waschbecken, in dem es auch noch ge- nug Platz für die elektrische Waschma- schine meiner Mutter gab. Da ich nie etwas anderes kannte, habe ich dem nie eine besondere Bedeutung beigemes- sen, aber inzwischen weiß ich, dass da- mals noch viele Familien ihre Wäsche im Waschkessel in einer Waschküche wuschen. Die Waschmaschine meiner Mutter sah auf den ersten Blick wie eine heutige Maschine aus, die man von oben befüllt (auf neudeutsch sagt man heute "Top- loader"). Auch die erste Waschmaschine meiner Mutter wurde von oben befüllt. Der Unterschied zu einem dieser moder- nen Toploader bestand darin, dass die Wäsche nicht in eine Wäschetrommel, sondern in einen quadratischen Bottich gefüllt wurde. Am Boden dieses Wäsche- bottichs befand sich ein zweiflügeliger Quirl, der von einem unten in der Wasch- maschine angebrachten Motor angetrie- ben wurde. Der Quirl bewegte die Wä- sche im Bottich der Waschmaschine. Diese geniale Erfindung läutete damals das Ende des Waschbretts ein, das heut- zutage nur noch als Rhythmusinstrument in einigen Stilrichtungen der Jazz Musik zum Einsatz kommt. Es gab auch eine elektrische Heizung, mit der das Wasch- wasser erhitzt wurde. Nach jedem Waschgang musste meine Mutter die elektrisch betriebene Pumpe einschal- ten, um das Wasser aus der Maschine abzupumpen. Für den folgenden Wasch- gang füllte sie von oben frisches Wasser und das Waschmittel in den Bottich. Nach dem letzten Spülgang kam dann der am Rand des Bottichs der Wasch- maschine angebrachte Wäschewringer zum Einsatz. Damit wurde das Wasser so weit aus der Wäsche gepresst, dass sie auf der Wäscheleine etwas schneller trocknete, als es beim Wringen mit den Händen möglich gewesen wäre. Der ei- gentliche Vorteil gegenüber dem Aus- wringen von Hand war jedoch, dass die kraftzehrenden, und auf die Dauer oft schmerzhaften Drehbewegungen in den Handgelenken, seit der Erfindung des Wäschewringers der Vergangenheit angehörten. Ich muss wohl so ungefähr drei Jahre alt gewesen sein, als meine Eltern mich ge- fragt haben, ob ich vielleicht gerne eine Schwester oder einen Bruder hätte. Eine Schwester hätte mir wohl ganz gut gefal- len. Damit das mit der Schwester auch klappt, sollte ich dem Klapperstorch je- den Tag ein Stück Zucker auf die Fens- terbank legen. Meine Eltern meinten, der Storch würde sich den Zucker dann ho- len, und dafür eine Schwester bringen. Ich habe dann also immer ein Stück Würfelzucker für den Klapperstorch auf die Fensterbank des Schlafzimmerfens- ters gelegt. Der ist dann auch jede Nacht gekommen, hat das Zuckerstück jedes Mal mitgenommen, und eines Tages hat er mir dafür tatsächlich meine Schwester gebracht. Die Sache mit dem Zucker, dem Klapperstorch und der Schwester hatte also funktioniert ... – allerdings, wenn ich heute so darüber nachdenke, werde ich damals möglicherweise jeden Tag das gleiche Stück Würfelzucker auf die Fensterbank gelegt haben. Anscheinend hatte ich uns mit dem Wür- felzucker und dessen Folgen aber wohl ein Problem eingehandelt, denn die Wohnung unter dem Dach wurde jetzt zu klein für uns vier. Es gab ja kein Kin- derzimmer. Gespielt haben wir im Wohn- zimmer oder auf dem Flur. Gegessen wurde immer im Wohnzimmer, weil die Küche gerade groß genug zum Kochen, zum Abwaschen und zum Babybaden war.
Weihnachten vor dem Ofen
Die Zinkbadewanne mit der berüchtigten Lötstelle
Als meine Schwester und ich noch klein genug waren, kamen wir zum Baden in eine Badewanne aus verzinktem Blech, die meine Mutter in die Mitte der Küche auf ein Holzgestell stellte. Fließendes heißes Wasser aus der Leitung gab es in unserem Haus nicht. Warmes Badewas- ser bereitete meine Mutter, indem sie auf dem Gasherd im Wasserkessel Wasser kochte, das sie mit kaltem Wasser so lange mischte bis es die richtige Temper- atur hatte. Den Vorgang wiederholte sie so oft, bis genug warmes Wasser zum Baden in der Wanne war. Einmal hatte die Badewanne an einer Stelle ein kleines Loch im Boden, das mein Vater mit einem Lötkolben wieder zulötete. Ich hatte ihm dabei zugesehen. Als er mit dem Löten fertig war, sagte er zu mir, ich solle die Lötstelle nicht anfas- sen, weil sie sehr heiß sei, und ich mich daran verbrennen würde. Danach habe ich dann immer sehr darauf geachtet, dass ich mich ja nicht auf die gelötete Stelle setzte, wenn ich in die Badewan- ne kam – ich wollte mich ja nicht ver- brennen ... Das Kinderbett meiner Schwester, in dem vor der Geschichte mit dem Würfel- zucker ich geschlafen hatte, stand im Schlafzimmer und ich schlief neben mei- ner Mutter im Ehebett. Für meinen Vater hatten meine Eltern ein Klappbett ge- kauft, dass auf dem Flur stand. Tags- über sah es aus wie ein Sideboard, und Abends wurde es zur Seite hin aufge- klappt, so dass man darin schlafen kon- nte. Die Matratze und das Bettzeug wur- den morgens vor dem Hochklappen des Bettes mit Gurten festgezurrt. Ungefähr ein Jahr nach der Geburt mei- ner Schwester zogen meine Eltern mit uns in eine neue Wohnung in einem ge- rade neu erschlossenen Neubaugebiet im Stadtteil Leherheide am Stadtrand von Bremerhaven. Dort gab es ein rich- tiges Badezimmer und ein Kinderzimmer für meine Schwester und mich ... - und in jedem Zimmer gab es einen Radiator- heizkörper. Wenn wir es im Winter warm haben wollten, dann brauchten wir nur an dem Ventil des Heizkörpers zu dre- hen. Meine Mutter erzählte mir später einmal, am meisten habe sie in den ersten Jahren in der neuen Wohnung geschätzt, dass sie fortan keine Kohlen mehr zum Heizen aus dem Keller bis unter das Dach schleppen musste. © Jürgen Winkler
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