Vollmond in Lehe
Nun war ich schon einige Wochen im Taxigeschäft als sogenannte "Ratte" tätig. So nennt man die Aushilfsfahrer im Taxigewerbe und sie sind von den festangestellten Taxifahrern nicht immer gern gesehen. Aber das störte mich nicht, ich hatte meinen momentanen Traumjob! Ich konnte jeden Abend das Taxi abholen und soviel oder sowenig fahren wie ich wollte. Der Eigentümer freute sich, wenn überhaupt nachts gefahren wurde, denn sonst stand bei ihm der Wagen nachts in der Garage. Und ich hatte schnell rausbekommen, dass es wesentlich spannender war, nachts Taxi zu fahren als tagsüber. Tagsüber fuhr man hauptsächlich die Leute von einem Arzt zum an- deren und auch sonst war die Kundschaft nicht aufregend. Aber in der Nacht war alles viel aufregender. Es war auch noch nicht so gefährlich nachts zu fah- ren. Heute würde ich das nicht mehr machen. Es lag aber auch an der Unbekümmertheit meiner Jugend, dass ich keine Angst hatte und es als Abenteuer sah, nachts durch die Stadt zu fahren und Leute aus den verschiedensten Schichten kennenzulernen und zu beobachten. Und es war wirklich spannend! Was man da alles erleben konnte. Es war eine Schule des Lebens für mich. Wo konnte man sonst Menschen so hautnah erleben? Am spannendsten war es immer, wenn Vollmond war. Das merkte man ganz schnell. Es war als spielten alle Leute verrückt. Die Fahrgäste waren nervös, aggressiv und nörgelten wegen jeder Kleinigkeit. Sofort wusste man, heute muss Vollmond sein und wenn man dann zum Himmel guckte bestätigte sich diese Annahme meistens auch sofort. So war es auch an diesem Tag als ich wieder meine Nachtschicht begann. Ich war guten Mutes und freute mich über die erste Tour, die nicht lange auf sich warten liess. Ich wurde zu einer Kneipe gerufen und ein junger Mann setzte sich zu mir in den Wagen. Er sah nicht unfreundlich aus, sagte aber weder Guten Abend noch Hallo, sondern nur: "Geradeaus". Ich wunderte mich, aber ich fuhr erst einmal los. Ich war schon vorgewarnt worden von den Kollegen: Heute ist wieder Vollmond, da können wir wieder was erleben. Na ja und nun hatte ich so einen Kandidaten im Auto. Nach "Geradeaus" folgte: "Rechts rum" und danach wieder "Rechts" und dann noch einmal "Rechts". Ich hatte kei- ne grosse Lust zum Diskutieren und so fuhr ich so, wie der Fahrgast es verlangte und auf einmal standen wir wieder vor der Kneipe, aus der er herausgekommen war. Der Fahrgast guckte mich freundlich an und sagte: "Und das war nur zur Probe". Er bezahlte, stieg aus und ging wieder in die gleiche Kneipe rein. Na ja, es war eben Vollmond und das war nur der Anfang. Ein paar Touren später stieg ein Pärchen in den Wagen. Er setzte sich auf den Beifahrersitz, sie hinten auf den Rücksitz. Wir fuhren los und er schaute mich an und sagte immer wieder: "ent- zückend" und dann wieder "entzückend". Nach dem dritten "entzückend" drehte ich mich zu der Partnerin um und fragte: "Hat Ihr Mann das öfter? "Ja, ja sagte die Frau, bei Vollmond ist der im- mer so komisch, aber denken Sie sich nichts dabei, es gibt Schlimmeres". Na ja, wenn man es sich überlegte hatte die Frau recht. Er war nicht frech geworden und wenn einer "entzückend" zu einem sagt, kann man damit leben. Zumindest in einer Vollmondnacht. Der Clou in dieser Nacht stand aber noch bevor. Ich hatte ziemlich viel zu tun und auf der Rück- fahrt von Langen nach Lehe wurde ich wieder zu einer Kneipe gerufen. Der neue Fahrgast war eine Frau und die war ziemlich angetrunken. Das war für mich nichts Aussergewöhnliches, damit hatte man als Taxifahrerin besonders nachts des öfteren zu tun, aber die Frau war ziemlich ele- gant angezogen und ich war verwundert, dass sie so betrunken war. Die arme Frau dachte ich. Die hat heute ihren Moralischen, betrinkt sich, gibt ihr ganzes Haus- haltsgeld dabei aus und morgen kommt der grosse Katzenjammer. Irgendwie hatte ich Mitleid mit der Frau und redete auf sie ein, dass es doch besser wäre, nach Hause zu fahren und nicht in die nächste Kneipe. Davon war die Frau aber nicht zu überzeugen, sie wollte mir aber etwas Gutes tun, weil ich mir doch ihre ganzen Probleme angehört hatte und drückte mir so 500,- Mark in die Hand mit der Bemerkung: "Sie sind so nett, sie sollen sich auch einen schönen Tag ma- chen und ich gebe das Geld sowieso nur in der nächsten Kneipe aus". Diese Gefahr sah ich al- lerdings auch, aber ich wollte das Geld nicht annehmen. Doch die Frau bestand darauf und da ich mir ziemlich sicher war, dass das Geld sonst in der nächsten Kneipe blieb, steckte ich es erst einmal ein. Die Frau ging in die Kneipe und ich über-legte, was ich nun tun sollte. Dass ich das Geld nicht behalten würde, war mir ziemlich schnell klar, denn ich hatte immer noch das Gefühl, die Dame würde das Geld am nächsten Tag schmerzlich vermissen, denn eigentlich machte sie einen soliden Eindruck. Ich fuhr zur Taxi-Zen- trale und gab das Geld dort ab. Ich erzählte von der Frau, hoffte, dass sie sich am nächsten Tag melden würde und fuhr weiter meine Nachtschicht. Zwischendurch machte ich mit anderen Kollegen eine Kaffeepause und erzählte von dem Erleb- nis mit den 500,- Mark. Die hielten mich alle für verrückt. Wie kann man so blöd sein und das Geld abgeben. Die hätte doch sonst auch alles versoffen. Aber ich hätte das nicht gekonnt. Ich sah in Gedanken immer die Frau am nächsten Tag mit ihrem Katzenjammer vor mir. Die Nachtschicht ging weiter und auf einmal bekam ich einen Ruf von der Zentrale, ich möchte doch bitte dort vorbeikommen. Als ich eintraf, sass dort ein aufgebrachter Ehemann, dessen Frau behauptete, eine Taxifahrerin hätte ihr 500,- Merk gestohlen. Gott sei Dank hatte ich aber ja das Geld in der Zentrale abgegeben und so konnte die Behauptung schnell widerlegt werden. Aber der Mann sagte auch, seine Frau sei schon lange eine Alkoholikerin, die immer wieder das ganze Geld vertrinken würde. So kann man sich täuschen, dachte ich noch und nachdem sich der Mann bedankt hatte, fuhr ich weiter in die Nacht hinaus und dachte: Was nun wohl noch kommt, ist ja Vollmond." © Brigitte Ehlers 2010
Eigentümerstandortgemeinschaft Lehe e.V. ‒ Verein Wohnungsvermarktungsnetzwerk
E-Mail: info@esglehe.de
Vollmond in Lehe
Nun war ich schon einige Wochen im Taxigeschäft als sogenannte "Rat- te" tätig. So nennt man die Aushilfsfahrer im Taxigewerbe und sie sind von den festangestellten Taxifahrern nicht immer gern gesehen. Aber das störte mich nicht, ich hatte meinen momentanen Traumjob! Ich kon- nte jeden Abend das Taxi abholen und soviel oder sowenig fahren wie ich wollte. Der Eigentümer freute sich, wenn überhaupt nachts gefahren wurde, denn sonst stand bei ihm der Wagen nachts in der Garage. Und ich hatte schnell rausbekommen, dass es wesentlich spannender war, nachts Taxi zu fahren als tagsüber. Tagsüber fuhr man hauptsächlich die Leute von einem Arzt zum anderen und auch sonst war die Kundschaft nicht aufregend. Aber in der Nacht war alles viel aufregender. Es war auch noch nicht so gefährlich nachts zu fahren. Heute würde ich das nicht mehr machen. Es lag aber auch an der Unbekümmertheit meiner Jugend, dass ich kei- ne Angst hatte und es als Abenteuer sah, nachts durch die Stadt zu fah- ren und Leute aus den verschiedensten Schichten kennenzulernen und zu beobachten. Und es war wirklich spannend! Was man da alles erle- ben konnte. Es war eine Schule des Lebens für mich. Wo konnte man sonst Menschen so hautnah erleben? Am spannendsten war es immer, wenn Vollmond war. Das merkte man ganz schnell. Es war als spielten alle Leute verrückt. Die Fahrgäste waren nervös, aggressiv und nörgelten wegen jeder Kleinigkeit. Sofort wusste man, heute muss Vollmond sein und wenn man dann zum Him- mel guckte bestätigte sich diese Annahme meistens auch sofort. So war es auch an diesem Tag als ich wieder meine Nachtschicht begann. Ich war guten Mutes und freute mich über die erste Tour, die nicht lange auf sich warten liess. Ich wurde zu einer Kneipe gerufen und ein junger Mann setzte sich zu mir in den Wagen. Er sah nicht unfreundlich aus, sagte aber weder Guten Abend noch Hallo, sondern nur: "Geradeaus". Ich wunderte mich, aber ich fuhr erst einmal los. Ich war schon vorgewarnt worden von den Kollegen: Heute ist wieder Vollmond, da können wir wieder was erleben. Na ja und nun hatte ich so einen Kandidaten im Auto. Nach "Geradeaus" folgte: "Rechts rum" und danach wieder "Rechts" und dann noch einmal "Rechts". Ich hatte keine grosse Lust zum Diskutieren und so fuhr ich so, wie der Fahrgast es verlangte und auf einmal standen wir wieder vor der Kneipe, aus der er herausgekommen war. Der Fahrgast guckte mich freundlich an und sag- te: "Und das war nur zur Probe". Er bezahlte, stieg aus und ging wieder in die gleiche Kneipe rein. Na ja, es war eben Vollmond und das war nur der Anfang. Ein paar Touren später stieg ein Pärchen in den Wagen. Er setzte sich auf den Beifahrersitz, sie hinten auf den Rücksitz. Wir fuhren los und er schaute mich an und sagte immer wieder: "entzückend" und dann wie- der "entzückend". Nach dem dritten "entzückend" drehte ich mich zu der Partnerin um und fragte: "Hat Ihr Mann das öfter? "Ja, ja sagte die Frau, bei Vollmond ist der immer so komisch, aber denken Sie sich nichts da- bei, es gibt Schlimmeres". Na ja, wenn man es sich überlegte hatte die Frau recht. Er war nicht frech geworden und wenn einer "entzückend" zu einem sagt, kann man damit leben. Zumindest in einer Vollmond- nacht. Der Clou in dieser Nacht stand aber noch bevor. Ich hatte ziemlich viel zu tun und auf der Rückfahrt von Langen nach Lehe wurde ich wieder zu einer Kneipe gerufen. Der neue Fahrgast war eine Frau und die war ziemlich angetrunken. Das war für mich nichts Aussergewöhnliches, damit hatte man als Taxifahrerin besonders nachts des öfteren zu tun, aber die Frau war ziemlich elegant angezogen und ich war verwundert, dass sie so betrunken war. Die arme Frau dachte ich. Die hat heute ihren Moralischen, betrinkt sich, gibt ihr ganzes Haushaltsgeld dabei aus und morgen kommt der grosse Katzenjammer. Irgendwie hatte ich Mitleid mit der Frau und re- dete auf sie ein, dass es doch besser wäre, nach Hause zu fahren und nicht in die nächste Kneipe. Davon war die Frau aber nicht zu überzeu- gen, sie wollte mir aber etwas Gutes tun, weil ich mir doch ihre ganzen Probleme angehört hatte und drückte mir so 500,- Mark in die Hand mit der Bemerkung: "Sie sind so nett, sie sollen sich auch einen schönen Tag machen und ich gebe das Geld sowieso nur in der nächsten Kneipe aus". Diese Gefahr sah ich allerdings auch, aber ich wollte das Geld nicht annehmen. Doch die Frau bestand darauf und da ich mir ziemlich sicher war, dass das Geld sonst in der nächsten Kneipe blieb, steckte ich es erst einmal ein. Die Frau ging in die Kneipe und ich überlegte, was ich nun tun soll- te. Dass ich das Geld nicht behalten würde, war mir ziemlich schnell klar, denn ich hatte immer noch das Gefühl, die Dame würde das Geld am nächsten Tag schmerzlich vermissen, denn eigentlich machte sie ei- nen soliden Eindruck. Ich fuhr zur Taxi-Zentrale und gab das Geld dort ab. Ich erzählte von der Frau, hoffte, dass sie sich am nächsten Tag melden würde und fuhr weiter meine Nachtschicht. Zwischendurch machte ich mit anderen Kollegen eine Kaffeepause und erzählte von dem Erlebnis mit den 500,- Mark. Die hielten mich alle für verrückt. Wie kann man so blöd sein und das Geld abgeben. Die hätte doch sonst auch alles versoffen. Aber ich hätte das nicht gekonnt. Ich sah in Gedanken immer die Frau am nächsten Tag mit ihrem Katzenjam- mer vor mir. Die Nachtschicht ging weiter und auf einmal bekam ich einen Ruf von der Zentrale, ich möchte doch bitte dort vorbeikommen. Als ich eintraf, sass dort ein aufgebrachter Ehemann, dessen Frau behauptete, eine Taxifahrerin hätte ihr 500,- Merk gestohlen. Gott sei Dank hatte ich aber ja das Geld in der Zentrale abgegeben und so konnte die Behauptung schnell widerlegt werden. Aber der Mann sagte auch, seine Frau sei schon lange eine Alkoholi- kerin, die immer wieder das ganze Geld vertrinken würde. So kann man sich täuschen, dachte ich noch und nachdem sich der Mann bedankt hatte, fuhr ich weiter in die Nacht hinaus und dachte: Was nun wohl noch kommt, ist ja Vollmond." © Brigitte Ehlers 2010
E-Mail: info@esglehe.de
Vollmond in Lehe
Nun war ich schon einige Wochen im Taxigeschäft als sogenannte "Ratte" tä- tig. So nennt man die Aushilfsfahrer im Taxigewerbe und sie sind von den fest- angestellten Taxifahrern nicht immer gern gesehen. Aber das störte mich nicht, ich hatte meinen momentanen Traumjob! Ich konnte jeden Abend das Taxi abholen und soviel oder sowenig fahren wie ich wollte. Der Eigentümer freute sich, wenn überhaupt nachts ge- fahren wurde, denn sonst stand bei ihm der Wagen nachts in der Garage. Und ich hatte schnell rausbekommen, dass es wesentlich spannender war, nachts Taxi zu fahren als tagsüber. Tagsüber fuhr man hauptsächlich die Leute von einem Arzt zum anderen und auch sonst war die Kundschaft nicht aufregend. Aber in der Nacht war alles viel aufre- gender. Es war auch noch nicht so ge- fährlich nachts zu fahren. Heute würde ich das nicht mehr machen. Es lag aber auch an der Unbekümmertheit meiner Jugend, dass ich keine Angst hatte und es als Abenteuer sah, nachts durch die Stadt zu fahren und Leute aus den verschiedensten Schichten kennenzu- lernen und zu beobachten. Und es war wirklich spannend! Was man da alles erleben konnte. Es war eine Schule des Lebens für mich. Wo konnte man sonst Menschen so hautnah erleben? Am spannendsten war es immer, wenn Vollmond war. Das merkte man ganz schnell. Es war als spielten alle Leute verrückt. Die Fahrgäste waren nervös, aggressiv und nörgelten wegen jeder Kleinigkeit. Sofort wusste man, heute muss Vollmond sein und wenn man dann zum Himmel guckte bestätigte sich diese Annahme meistens auch sofort. So war es auch an diesem Tag als ich wieder meine Nachtschicht begann. Ich war gu- ten Mutes und freute mich über die erste Tour, die nicht lange auf sich warten ließ. Ich wurde zu einer Kneipe gerufen und ein junger Mann setzte sich zu mir in den Wagen. Er sah nicht unfreundlich aus, sagte aber weder "Guten Abend" noch "Hallo", sondern nur: "Geradeaus". Ich wunderte mich, aber ich fuhr erst ein- mal los. Ich war schon vorgewarnt worden von den Kollegen: Heute ist wieder Voll- mond, da können wir wieder was erle- ben. Na ja und nun hatte ich so einen Kandidaten im Auto. Nach "Geradeaus" folgte: "Rechts rum" und danach wie- der "Rechts" und dann noch einmal "Rechts". Ich hatte keine grosse Lust zum Diskutieren und so fuhr ich so, wie der Fahrgast es verlangte und auf ein- mal standen wir wieder vor der Kneipe, aus der er herausgekommen war. Der Fahrgast guckte mich freundlich an und sagte: "Und das war nur zur Probe". Er bezahlte, stieg aus und ging wieder in die gleiche Kneipe rein. Na ja, es war eben Vollmond und das war nur der An- fang. Ein paar Touren später stieg ein Pärchen in den Wagen. Er setzte sich auf den Beifahrersitz, sie hinten auf den Rück- sitz. Wir fuhren los und er schaute mich an und sagte immer wieder: "entzück- end" und dann wieder "entzückend". Nach dem dritten "entzückend" drehte ich mich zu der Partnerin um und fragte: "Hat Ihr Mann das öfter? "Ja, ja sagte die Frau, bei Vollmond ist der immer so komisch, aber denken Sie sich nichts da- bei, es gibt Schlimmeres". Na ja, wenn man es sich überlegte hatte die Frau recht. Er war nicht frech geworden und wenn einer "entzückend" zu einem sagt, kann man damit leben. Zumindest in ei- ner Vollmondnacht. Der Clou in dieser Nacht stand aber noch bevor. Ich hatte ziemlich viel zu tun und auf der Rückfahrt von Langen nach Lehe wurde ich wieder zu einer Kneipe gerufen. Der neue Fahrgast war eine Frau und die war ziemlich angetrunken. Das war für mich nichts Aussergewöhn- liches, damit hatte man als Taxifahrerin besonders nachts des öfteren zu tun, aber die Frau war ziemlich elegant ange- zogen und ich war verwundert, dass sie so betrunken war. Die arme Frau dachte ich. Die hat heute ihren Moralischen, betrinkt sich, gibt ihr ganzes Haushaltsgeld dabei aus und morgen kommt der große Katzenjammer. Irgendwie hatte ich Mitleid mit der Frau und redete auf sie ein, dass es doch besser wäre, nach Hause zu fahren und nicht in die nächste Kneipe. Davon war die Frau aber nicht zu überzeugen, sie wollte mir aber etwas Gutes tun, weil ich mir doch ihre ganzen Probleme angehört hatte und drückte mir so 500,- Mark in die Hand mit der Bemerkung: "Sie sind so nett, sie sollen sich auch einen schö- nen Tag machen und ich gebe das Geld sowieso nur in der nächsten Kneipe aus". Diese Gefahr sah ich allerdings auch, aber ich wollte das Geld nicht an- nehmen. Doch die Frau bestand darauf und da ich mir ziemlich sicher war, dass das Geld sonst in der nächsten Kneipe blieb, steckte ich es erst einmal ein. Die Frau ging in die Kneipe und ich überlegte, was ich nun tun sollte. Dass ich das Geld nicht behalten würde, war mir ziem- lich schnell klar, denn ich hatte immer noch das Gefühl, die Dame würde das Geld am nächsten Tag schmerzlich ver- missen, denn eigentlich machte sie ei- nen soliden Eindruck. Ich fuhr zur Taxi- Zentrale und gab das Geld dort ab. Ich erzählte von der Frau, hoffte, dass sie sich am nächsten Tag melden würde und fuhr weiter meine Nachtschicht. Zwischendurch machte ich mit anderen Kollegen eine Kaffeepause und erzählte von dem Erlebnis mit den 500,- Mark. Die hielten mich alle für verrückt. Wie kann man so blöd sein und das Geld ab- geben. Die hätte doch sonst auch alles versoffen. Aber ich hätte das nicht ge- konnt. Ich sah in Gedanken immer die Frau am nächsten Tag mit ihrem Katzen- jammer vor mir. Die Nachtschicht ging weiter und auf einmal bekam ich einen Ruf von der Zentrale, ich möchte doch bitte dort vor- beikommen. Als ich eintraf, sass dort ein aufgebrachter Ehemann, dessen Frau behauptete, eine Taxifahrerin hätte ihr 500,- Merk gestohlen. Gott sei Dank hat- te ich aber ja das Geld in der Zentrale abgegeben und so konnte die Behaupt- ung schnell widerlegt werden. Aber der Mann sagte auch, seine Frau sei schon lange eine Alkoholikerin, die immer wieder das ganze Geld vertrinken würde. So kann man sich täuschen, dachte ich noch und nachdem sich der Mann bedankt hatte, fuhr ich weiter in die Nacht hinaus und dachte: Was nun wohl noch kommt, ist ja Vollmond." © Brigitte Ehlers 2010
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